AufsichtsART®
Clarissa-Diana de Grancy
Ich arbeite an neuralgischen Punkten. Dort, wo sich eine unerhörte Begebenheit im Innern festsetzt.
Ich verschiebe Gegenstände, Orte und Bezugspersonen einer Geschichte und bringe sie in eine neue Konstellation.

Ich arbeite im Auftrag von Menschen, Unternehmen und Institutionen, im eigenen zu jeder Zeit.
Aus dem Vorhandenen entwickle ich Texte, Performances und räumliche Versuchsanordnungen. Durch Collagieren, Spiegeln und Verschieben entstehen darin neue Verknüpfungen, die das Gewicht und die Wirkung von Sachverhalten verändern. Mich interessieren hermetische Räume und die Bedingungen, unter denen sie durchlässig werden. Aufsichtsgremien sind solche Räume. Ich stelle Verbindungen her und gebe ihnen eine Form. Ich kuratiere Ideen und Projekte, solange sie noch keine eigene Stimme haben.
Manchmal, wenn ich schreibe, übertrage ich die im Text enthaltene Metaphernwelt auf mich selbst; der Körper wird dann zum Austragungsort: Corpus Governance. Diese Transformation macht sichtbar, was die bisherige Ordnung verdeckt hielt, und möglich, was in ihr zunächst nicht denkbar schien. Das ist keine Kunst. Ich nenne es AufsichtsART. Manchmal.
AufsichtsART scheint mir das vorläufige Ergebnis einer langen Reise, die viel früher begann und noch nicht durch alle Städte geführt hat, die bereist werden wollten. Als hätte ich unterwegs vergessen, warum ich einmal aufgebrochen war. Eine immer lauter werdende Stille erinnert mich daran.
"Mach aART. Genau, das ist gut. Mach doch", sagt der Kollege – ohne es gut zu meinen. Trotzdem. Ich nehme Menschen beim Wort. Immer.
Am Anfang stand BOARDSCORE – der Versuch, unternehmerische Fragestellungen unmittelbar mit dem Erfahrungswissen jener zu verbinden, die vergleichbare Situationen aus eigener Anschauung kennen.
Gesucht wurden fünf Unternehmer, die Ausgangslagen und Lösungswege aus der eigenen Praxis als Use Cases einbringen und das noch verborgene Vorhaben mit uns weiterentwickeln würden. Wir vertrauten darauf, dass Menschen, für die Verschwiegenheit im Aufsichtskontext zum professionellen Selbstverständnis gehört, den geschützten Rahmen als Voraussetzung gemeinsamer Arbeit anerkennen würden. Es gab diese Menschen. Und doch schien das bekundete Interesse an die unausgesprochene Erwartung geknüpft, BOARDSCORE müsse bereits an Fahrt aufgenommen haben.
Der Erfinder der Plattform brachte es auf den Punkt: „Ich will kein Zugpferd für bS, das nur geht, wenn es gemacht ist, aber nicht gemacht wird.“
In meinen Suchbewegungen um eine Plattform, die zunächst gremium.one, später Rat.Jetzt hieß, nahm AufsichtsART allmählich Gestalt an, derweil draußen das Myzel künstlicher Intelligenzen alles durchdrang und jede Aussicht auf Erfolg an immer neue Anpassungen band.
Wohin die Reise führt, weiß ich nicht. Nicht nach Venedig, nicht nach Büdelsdorf und nach Eckernförde auch nicht. Vielleicht nach Südwesten; mal sehen.
Ich will gerne, dass es gut geht.
Arbeiten
Miss Wirtschaft und die Extrawurst –
Eine zeitlose Tragödie über Würde, Ordnung und den Preis des allzu leisen Widerstands
Ein Paket kommt zurück, ein Mantel taucht wieder auf, und wer nicht auf der Gästeliste steht, ist trotzdem da. In der Anmaßung, die darin liegt, das Normalste von der Welt zu wollen, nimmt Miss Wirtschaft sich aus allem raus – und zahlt dafür den Preis. Was im Westen kein Drama ist, wird im Osten zur Tragödie anderer Art: Antigone friert. Und Heidi wird neben Kreon zu Stein.
Wann ist Würde Haltung? Ab wann wird Eigensinn, wenn er sich zu tief hinterfragt, zum Selbstverlust? Im Protokoll steht es nicht: Was weg ist, ist nicht weg – es bleibt.

„AufsichtsART – Miss Wirtschaft und die Extrawurst“ In: Aufsichtsrat aktuell, 22. Jg. (2026)
Am 27. März 2025 wird die Odenwälder AufsichtsART in Gestalt einer Kunstauktion im Saarbrücker Theater im Viertel wiederaufgenommen.
Ein Bild kehrt als Kopie zurück und wird auf offener Bühne transformiert. Seinem Ursprung enthoben, verortet sich das Werk neu. Eine Figur aus HA Schults „TrashPeople“ steht als stummer Zeuge im Raum, Stefan Koenig liest sein Poem „Aufsichtsartisten“, und ein Unternehmer will nur dabei sein, wenn es Froschschenkel gibt.
So setzt sich die Untersuchung der Wertfrage fort: Was vermag die Kopie in einer Wirklichkeit, in der das Original eine Leerstelle hinterlassen hat? Wann gewinnt die Wiederholung Eigenständigkeit?
Aus dieser Performance ging hervor:
„AufsichtsART – Miss Wirtschaft und das Rätsel um § 156 BGB“. In: Aufsichtsrat aktuell, 21. Jg., Nr. 3 (Juni 2025), S. 86 ff
17. Oktober 2024. In einer sterbenden Backstube in Bad König, Odenwald, nimmt AufsichtsART die Entstehung von Wert in den Blick. Den Ausgangspunkt bildet eine Liedzeile in einem Song der Band Fehlfarben ("Paul ist tot") über die Funktionsweise des Begehrens. Diese soll an einer experimentellen Kunstauktion exemplifiziert werden: Jeder darf auf jedes Werk bieten – mit nach Hause nehmen allerdings nur eines: Jenes Werk, das nach Auswertung der Publikumseingaben durch eine KI die Begriffe „Aufsicht“ und „Art“ am ausgewogensten in sich vereint.
„Der Ofen muss raus“ – so hieß es in der Ankündigung, Teigschaber werden zu Bieterkellen. „Kreuz mit Türen“ kommt unter den Hammer, auch weitere Werke erhalten einen Zuschlag. Die Entscheidung der KI fällt an diesem Abend trotzdem nicht mehr: Der Ofen ist raus, kalt ist es, in der Backstube, das Publikum will ans Buffet.
Erst am nächsten Morgen erklärt die Auswertung „Kreuz mit Türen“ zum Werk der Werke. Der Künstler erkennt den Zuschlag nicht an und gibt das Bild, jetzt neu benannt, nicht an die Bieterin heraus. Über der Auktion liegt die Nachricht über die soeben zu Grabe getragene Künstlerin Rebecca Horn, die in Bad König gelebt und gearbeitet hat.
Unterdessen berührt das Experiment eine auch für Aufsichtsräte relevante Frage: Wie freimütig entscheiden Menschen, solange sie nicht damit rechnen, die Konsequenzen tragen zu müssen? Wie freigebig ist ein Mensch, solange er glaubt, das Gegebene nicht aufs Spiel zu setzen? Der Entzug legt die Mechanik des Begehrens frei: Das Begehren des einen ist das Begehren des anderen. Erst spät zeigt sich, welch ungesagte Erwartungen an die großzügige Bereitstellung des Werks geknüpft waren. Aus einer Gabe und einem spielerischen Gebot wird ein wechselseitiges (Zurück-)Habenwollen.
P.S.: Mancher belächelte das besondere Auktionsverfahren als "Verlosung". Als Christie’s am 14. April 2026 einen Picasso für 100 Euro verloste, hieß das Vergabeprinzip "Demokratisierung des Kunstmarkts".
Aus dieser Performance entstand der (bislang unveröffentlichte) Text:
"Ich will gerne, dass es dir gut geht." (AT)
Zur Arbeit


31. Mai 2023. Im Frankfurter Atelier von Mike Kuhlmann werden Kunstwerke mit den Tätigkeitsfeldern und Biographien von Unternehmern und Aufsichtsräten in Verbindung gebracht.
Aus einer Papiermaschine führt der Gedanke über Kartoffelstärke, die dem Papier Festigkeit verleiht, zu einer künstlerisch gestalteten Kartoffel (Ingrid Honneth) und von dort zur Frage nach der Festigkeit einer charakterlichen Disposition. Die Anwesenden setzen diese Assoziationsketten auf der Bühne fort, ohne zu wissen, wohin sie führen.
Die literarische Fortschreibung führt auf die Dachterrasse. "Was daraus wohl wird?“. Zwischen Skepsis, Statuspflege und der Frage nach dem geschäftlichen Nutzen zeigt sich, was geschieht, wenn eine ungewöhnliche Idee in einen etablierten Kreis gerät: Noch vor jedem Verstehen setzt Bewertung ein.
Aus dieser Performance ging hervor:
"Was daraus wohl wird? – Board Community-Gemunkel auf der AufsichtsART in Frankfurt am Main." In: Aufsichtsrat aktuell, 21. Jg., Nr. 4 (September 2023), S. 83 ff

22. Februar 2023. Beim Auftakt im Wiener Café Korb erhält AufsichtsART erstmals eine Bühne. Der Begriff ist schon da – seine Bedeutung noch offen. Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kunst und Board Community treten nacheinander vor das Publikum und formulieren, was AufsichtsART für sie sein könnte und worin seine Relevanz für die Arbeit von Aufsichtsräten liegt.
Die unterschiedlichen Perspektiven verdichten sich zu einer ersten Gestalt. So beginnt AufsichtsART mit einer Frage, die die Initiative fortan begleitet: Wie lange kommt Verbindlichkeit ohne Festschreibung aus? Wie viel Freiheit ertragen wir?
Aus dieser Performance gingen hervor:
Der KI-Film „Das Mädchen und das schwarze Pferd“, eine Zusammenarbeit mit dem Medienkünstler Volker Schütz, die Binnen-Performance, Das Offene Buch (Umschlaggestaltung: Volker Schütz) sowie das begleitende Interview „Von der Kunst zur Künstlichen Intelligenz“. Gespräch mit Medienkünstler Volker Schütz. In: Aufsichtsrat aktuell, 19. Jg., Nr. 3 (Juni 2023)

